Interview mit Paul Kalkbrenner

Hauptdarsteller & Komponist der Filmmusik

Das Interview führte Martin Hildebrandt während der Dreharbeiten

Drehpause in einer Kirche an der Grenze zu Friedrichshain. Wer sich gefragt hat, warum Paul Kalkbrenner die letzten Wochen nirgendwo aufgetreten ist, bekommt jetzt die Antwort. Er spielt den Ickarus, einen Musiker zwischen Rausch und Wahnsinn, in dem neuen Film von Hannes Stöhr BERLIN CALLING.

Wie laufen denn die Dreharbeiten soweit?

Bin sehr zufrieden. Am Anfang war ich innerlich gestresst, aber das hat sich gelegt. Ich wusste ja vorher nicht, ob ich überhaupt ein Talent zur Schauspielerei habe. Als wir dann aber am zweiten Tag in der Klinik, also Nervenanstalt (leise), sehr schwierige Szenen hatten, wo man Dinge aus der Figur heraus spielen musste, und Hannes, der Regisseur, mir ein positives Zeichen gab, war die Anspannung weg. Seitdem läuft es wirklich gut.

Beschreib uns doch kurz deine Erwartungen. Was wurde anstrengender, was ist leichter als gedacht?

Das eigentliche Schauspielen fällt mir sehr viel leichter, als ich es erwartet hätte. Es scheint, als ob ich da ein Talent habe, was mir vorher nie so bewusst gewesen ist. Ich habe mich eigentlich nie für Film interessiert. Vielleicht ist es auch gerade das, was die Sache leicht für mich macht, diese Unbekümmertheit. Ich spiele einfach, und überlege nicht, wie man jetzt vielleicht spielen müsste. Handwerklich habe ich ja keine Ahnung vom Schauspielen.

Und was gefällt dir nicht daran?

Die Arbeitszeiten. Das frühe Aufstehen fällt mir schon schwer. Wir drehen den gesamten Tag von morgens bis abends, manchmal im Ergebnis für nur 3 Minuten Film. Da musste ich mich schon umstellen. Dinge wie mit Freunden was rauchen, gehen leider auch nicht wirklich, da man sonst die Informationsmenge nicht verarbeiten kann.

Du sagst, dass du selbst gar nichts von deinem Talent wusstest. Wer hat es denn entdeckt? Der Regisseur Hannes Stöhr?

Ja, wobei sich das peu à peu ergeben hat. Hannes fand mein letztes Album gut (Self, 2004). Er fand die Musik sehr filmisch und hat gemerkt, dass da eine gewisse Vorstellung von Dramaturgie und Rhythmik drin ist. Es kam zu einem Treffen, wo er mir eine im Ansatz ähnliche Story erzählte, wie die, die wir jetzt drehen und wollte wissen, ob sie realistisch ist. Ob man das so und so als Künstler denkt. Anfangs war ich also mehr Consultant. Nach etlichen Treffen hieß es dann, ob ich nicht dazu einen Track machen wolle und so weiter. Fast zwei Jahre lang hatten wir regelmäßige Treffen und haben über das Drehbuch gesprochen. Total spannend war für mich zu erleben, wie die Charaktere immer dichter, alles immer ausgetüftelter wurden. Hannes ist da unglaublich befähigt und schien die Figur immer mehr in meine Richtung zu entwickeln. Er kam ja auch oft mit und hat mir bei der Arbeit zugesehen. Und irgendwann kam dann die Ansage: "Paul, du musst den jetzt spielen. Ich trau’s dir zu."

Ganz allgemein. Was für ein Film wird es werden? Einer über Berlin, einer über die Technoszene oder einer über den Künstler Paul Kalkbrenner?

Weder noch. Es ist ein Porträt. Ein Porträt der Zeit. Es ist ein Spielfilm. Die Thematik Techno oder Drogen sind nur der Pinsel mit dem wir das Bild malen. Es geht um eine viel universellere Geschichte als Techno oder Clubleben. Vom Prinzip her hätte Ickarus, die Hauptfigur, auch eine andere Musik machen können. Es sind die Probleme vieler Künstler: Genie – Wahnsinn, Dinge nicht begreifen, nicht auf sich aufpassen, um dann auf die Schnauze zu fallen. Es ist eine Geschichte, die immer wieder, ganz vielen passiert, und keine über mich oder über die Szene.

Aber hast du nicht trotzdem die Befürchtung, dass Leute, die dich nicht kennen, glauben, dass dort Paul Kalkbrenners Leben zu sehen ist, nicht ein fiktives?

Die Figur ist schon nah an mir. Ich denke sogar, dass sie näher an mir ist, als Hannes das glaubt. Er glaubt, Ickarus ist ganz anders als Paul Kalkbrenner. Ich würde sagen, die Übergänge sind fließend, und das macht auch die Spannung aus. Vom Prinzip her ist es aber eine fiktive Geschichte, wo so krasse Sachen passieren, dass die Leute schon merken werden, dass es keine Biografie über mein Leben ist.

Identifizierst du dich denn mit Ickarus?

Jein, also ich sag immer, ich kenn den Ickarus sehr gut, weil er so ist, wie ich nicht hätte werden sollen. Er ist mein eigener Dämon, aber auch einer, der gerne dahin will, wo ein Paul Kalkbrenner vielleicht heute ist.

Im Film spielt ja Rita Lengyel, eine ausgebildete Schauspielerin, deine Freundin und Managerin. Wie hat sie sich auf die Rolle vorbereitet? Seid ihr zusammen in Berlin feiern gewesen?

Wir haben so viel Zeit alle miteinander verbracht, die Geschichte entwickelt, dass man sagen kann, jetzt ist nur noch die Erntezeit. Wirklich gemeinsam feiern war gar nicht so wichtig, denn darum geht es im Film nur am Rande. Was elektronisch sein wird, ist die Musik. Die Szene, die wir gestern in der Bar 25 gedreht haben, ist vielleicht 2 Minuten lang.

Stichwort Musik: Schreibst du den gesamten Soundtrack?

Es gibt einen Gasttrack von Sascha Funke, ansonsten ist die gesamte Musik von mir.

Kannst du kurz beschreiben, was den Unterschied ausmacht, ein Album oder Filmmusik zu produzieren?

Ich kann von mir sagen, dass es gelogen wäre zu behaupten, ich wäre ganz anders an die Sache herangegangen. In erster Linie habe ich ein Album produziert, keine Filmmusik. Es ist ein Album von Paul Kalkbrenner, daß sich nach Paul Kalkbrenner anhört.

Gehen wir mal davon aus, der Film wird ein Erfolg und Paul Kalkbrenner steht eine Karriere als Schauspieler bevor. Werden wir dich dann weniger im Club sehen können?

Das kann durchaus passieren. Ich bin dieses Jahr dreißig geworden und will nicht mein ganzes Leben in Diskotheken verbringen. Beim Schauspielen bin ich auch geistig gefordert, und das hat mir vorher gefehlt. Am liebsten wäre mir beides. Ein Schauspieler sein, der auch Musik machen darf.